Medien der Macht

Schon in Franz Kafkas Romanen lässt sich das Verhältnis von Macht und Medien ablesen. Im Schloss ist es noch die steile Hierarchie einer kaiserlichen Bürokratie, an der ein Landvermesser kläglich scheitert. Unzuverlässige Boten sorgen dafür, dass die Kommunikation zwischen dem Untertan und seinem Souverän nicht zustande kommt. Der Prozess hingegen führt die schon vielköpfige Verwaltung der Moderne mit ihren labyrinthischen Korridoren vor. Die Medien dienen ihrer weitreichenden Macht. Sie überbrücken den Raum, halten aber zugleich die Verwalteten auf Distanz. Stets haben sich mit den neuen Techniken der Kommunikation auch Strategien entwickelt, sie zu verhindern. Zu dem Telefon und den Sekretären von einst sind der Anrufbeantworter, werbende Warteschleifen und die Voice-Mail hinzugekommen. Sie alle schützen vor zeitraubenden Fragen.

Die moderne Bürokratie, deren Macht schon bei Kafka mythisch erscheint, wäre also ohne Informationstechnik unmöglich. Doch diese verändert auch die Bürokratie nachhaltig. In Paris zum Beispiel hat sich die Unternehmensberatungsfirma Andersen Consulting von dem Datenverkehr in Netzwerken und der chaotischen Lagerhaltung inspirieren lassen. Sie schickt ihre 1150 Mitarbeiter in virtuelle Büros. Ob Sachbearbeiter oder Topmanager, der Zentralrechner weist den mit Notebook Gerüsteten je nach Anlass Einzel- oder Gemeinschaftsräume zu, belegt die Telefone mit persönlichen Nummern, erinnert an Termine und sorgt dafür, dass die richtigen Aktenschränke rechtzeitig an Ort und Stelle sind. Ergebnis dieser Reorganisation des Büroverkehrs: nur noch die Hälfte der ehemaligen Bürofläche wird benötigt. Und Mitarbeiter, die sich vorher nur flüchtig kannten, lassen sich bei Bedarf gezielt zusammen setzen. Dass sie in ihrer Firma ein kleines, eigenes Territorium brauchen, ist die Romantik von gestern. Auch sie fällt der Rationalisierung zum Opfer. Doch Grund zur Schadenfreude gibt es nicht: Mit dem Siegeszug der Medientechnik wird die Macht der modernen Bürokratie nur noch mythischer.

Zuerst erschienen 1996  in Der Tagesspiegel

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