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Wenn Science Fiction zur Normalität wird

Von dem Umstand, dass die Zukunft ungeschrieben ist, profitiert die Science Fiction nicht ohne Voraussetzungen. Denn wenn erst alles möglich ist, ist nichts mehr interessant, wie einst einer der Erfinder des modernen Science Fiction, H.G. Wells, weise bemerkte. Genau aus diesem Grund sind “Die ersten Menschen im Mond”, von denen er erzählt, für uns weniger aufregend als “Die Zeitmaschine”, von der wir noch bis heute nur träumen können. In genau dem gleichen Sinne ist auch die in den 80er Jahren dominierende Literatur der Cyberpunk-Bewegung vom Fortschritt betroffen. Die visionäre Phase kommender digitaler Realitäten ist der Normalität der neuen Kommunikationstechniken weitgehend gewichen. Die ersten Romane William Gibsons, der den Begriff Cyberspace erfunden hat, begeisterten noch mit der Vision, der menschliche Körper könne zugunsten eines digitalen überwunden werden, der in die gigantischen Datenströme eintaucht. Heute wissen wir: der Cyberspace Gibsons ist nicht mehr als eine visuelle Schnittstelle, die den unanschaulichen und unmenschlich schnellen Datenstrom in ein dem Menschen kompatibles Maß übersetzt, kurz: eine anthropomorphe Metapher. So ist auch die anfangs ungebrochene Begeisterung für die neue Medientechnologie schon lange einem kritischen Nachdenken über ihre Folgen und Auswirkungen gewichen. Der einst euphorisierende Cyberspace ist herunterbuchstabiert auf Übertragungsgeschwindigkeiten, Onlinekosten, Fragen der Zahlungsweise, Sicherheit, Zensur usw. Aus der Utopie Cyberspace ist die Realität eines digitalen Marktplatzes geworden: world wide. Doch stimmt, dass Der Geist am Ende seiner Möglichkeiten angelangt ist, wie schon H.G. Wells im Titel seines letzten Werkes resignativ verkündet? Die aktuelle Science Fiction muß das natürlich vehement bestreiten. Sie stürzt sich unverdrossen auf ein anderes, auch von Gibson schon thematisiertes Wunder: Biotechnik, dem nächsten Meilenstein zur Unsterblichkeit. Zumindest was die Suche nach Techniken der Gottgleichheit anbelangt, scheint der Geist tatsächlich noch nicht am Ende.

Zuerst erschienen  1996 in Der Tagesspiegel

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